Demokratie braucht Leidenschaft, Begeisterung und Gegenstrategien. Es ist sicher nichts zu spät, es ist nie etwas zu spät, aber es ist Zeit, sich mit den Bedrohungen der Demokratie auseinanderzusetzen und sich zur Wehr zu setzen. Es braucht ein bisschen mehr als die Beruhigung der letzten Jahre, die auch mich betroffen hat, dass alles gesichert sei. Ich versichere Ihnen: Es ist nichts gesichert.
Dieser Vortrag wurde ursprünglich im Rahmen des Symposiums „Notfall Demokratie?“, organisiert vom Wiener Forum für Demokratie und Menschrechte, am 24. September 2025 gehalten.
Ich möchte Ihnen erzählen, was alles entstehen kann, wenn man wie wir erkennt, dass wir uns in der Interessenpolitik zwar sehr engagieren und uns um vieles – wenn nicht sogar um alles – kümmern, jedoch nie konsequent und vor allem ohne größere gesellschaftspolitische Verantwortung.
Mit dem „Wir“ sind in diesem Fall die vier großen Autor:innenverbände Österreichs gemeint: der Österreichische PEN-Club, die Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung, der Österreichische Schriftsteller:innenverband und die IG Autorinnen Autoren. Im Mai 2024 haben sich diese vier bundesweiten Autor:innenverbände zusammengesetzt und beschlossen: Wir müssen mehr tun, mehr, als nur unsere Interessen zu vertreten. Und das haben wir auch begonnen.
Entstanden ist zunächst eine Plattform – sie hieß zu Beginn noch nicht so, trägt aber heute den Namen „Der Wert der Demokratie“. Wenn Sie interessiert, was diese Plattform ist, kann und leistet: Sie ist mittlerweile im Netz leicht zu finden – es handelt sich um einen Blog. Als zweites Projekt haben wir ein Lexikon der demokratiefeindlichen Begriffe ins Leben gerufen, für das wir seitdem Begriffe, Wendungen und sprachliche Entwicklungen sammeln.
Warum tun wir das? Weil uns bewusst wurde: Unser Medium ist die Sprache. Und wir sehen mehr oder weniger tatenlos zu, wie Sprache unterwandert, funktionalisiert und instrumentalisiert wird. Es gibt zahlreiche Indizien dafür. Wenn in den Medien Begriffe auftauchen, die ursprünglich mit Anführungszeichen versehen waren – als Zitat oder zur Infragestellung – und kurze Zeit später ohne Anführungszeichen erscheinen, bedeutet das: Sie wurden in den Sprachgebrauch übernommen. Nicht in Wörterbücher, aber in den medialen Diskurs. Das zeigt, dass sich die Akzeptanz verändert – und dass es Strategien gibt, Begriffe positiv oder negativ umzubesetzen. Sprache erzeugt Konnotationen und wirkt auf Menschen.
Für uns ist dieses Projekt neu – und wir haben etwas versucht, das wir vorher nicht ausprobiert haben und sind dabei auch über Landesgrenzen gegangen. Das Projekt umfasst den gesamten deutschsprachigen Raum. Wir arbeiten mit Verbänden in Deutschland, der Schweiz und in Südtirol, im gesamten Sprachraum zusammen. Und wir haben vor, das weiter auszubauen.
Interessant ist, wie schnell wir auf Barrieren gestoßen sind. Seit etwa einem Jahr möchten wir Symposien zum Thema „Die Sprache des Parlaments und der Landtage“ durchführen. Damit wir stoßen in den Landtagen und im Parlament auf wenig Echo. Dabei existieren stenografische Protokolle und weiteres Material, das unbedingt untersucht werden sollte. Denn der politische Sprachgebrauch im Alltag ist Teil dieser Veränderung. Kurzum: Demokratie braucht Leidenschaft, Begeisterung und Gegenstrategien. Es ist sicher nichts zu spät, es ist nie etwas zu spät, aber es ist Zeit, sich mit den Bedrohungen der Demokratie auseinanderzusetzen und sich zur Wehr zu setzen. Es braucht ein bisschen mehr als die Beruhigung der letzten Jahre, die auch mich betroffen hat, dass alles gesichert sei.
Ich versichere Ihnen: Es ist nichts gesichert. Wenn Sie es nicht glauben, ein Blick auf Umfragewerte genügt – selbst wenn diese Schwankungen unterliegen. Aber Tatsache ist, Parteien wie AfD und FPÖ liegen stabil über 30 % und sind somit vermutlich bald sowohl in Österreich als auch in Deutschland die stimmenstärkste Parteien.
Wie kann das sein? Die Angst sammelt sich dort, wo das Einkommen gering ist und wo wenig Möglichkeiten angeboten werden, sich positiv zu identifizieren. Das gilt auch für die Literatur.
Ich verstehe mich als politischen Dichter. Ich möchte dagegenreden. Ich möchte Entwicklungen nicht kommentarlos oder achselzuckend hinnehmen. Wenn Sie wissen möchten, was das im Detail bedeutet, sehen Sie sich die Plattform „Der Wert der Demokratie“ an. Und wenn Sie Interesse haben, sich zu beteiligen, ist das sehr einfach möglich: Schicken Sie Marion Wiesinger oder mir ein E-Mail mit Ihrem Text. Wir garantieren, dass er auf der Plattform veröffentlicht wird. So beteiligen Sie sich an einem Projekt, das die Gegenrede übt – und vielleicht eine wirksame Gegenrede werden kann. Wir sind noch nicht weit genug gekommen, wir möchten weitergehen. Mit Ihrer Beteiligung schaffen wir das.
Gerhard Ruiss ist Autor, Musiker, Publizist. Er ist ebenso Geschäftsführer der IG Autorinnen und Autoren, der Berufsvertretung der Schriftsteller:innen. Und er ist auch Sprecher der Plattform Der Wert der Demokratie.
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