Demokratien leben davon, dass Bürger:innen darauf vertrauen können, dass die vereinbarten Regeln für alle gelten. Wenn jedoch der Eindruck entsteht, dass sich einzelne Vermögende diesen Regeln entziehen können, schwächt dies das Vertrauen in die demokratischen Institutionen. Die Frage der Vermögensverteilung kann daher nicht auf eine Neiddebatte reduziert werden. Sie betrifft die grundlegende demokratische Frage, wie stark wirtschaftliche Ressourcen die Verteilung politischer Macht beeinflussen dürfen.
Demokratie beruht auf einem einfachen Grundsatz: Jede Stimme zählt gleich viel. Auf dem Stimmzettel macht es keinen Unterschied, ob jemand Millionärin, Fabrikarbeiter, Manager oder Pensionistin ist. Politische Gleichheit und der Ausgleich unterschiedlicher Interessen sind die Fundamente einer demokratischen Gesellschaft.
In der Realität steht diesem Ideal jedoch ein großes Hindernis im Weg: die exorbitante Konzentration von privatem Vermögen. In allen westlichen Industriestaaten übersteigt die Vermögensungleichheit bei Weitem die Einkommensungleichheit. Österreich ist in diesen Statistiken regelmäßig eines der unrühmlichen Schlusslichter, denn hierzulande besitzt das reichste 1% ungefähr 40% des gesamten Vermögens[1]. Laut Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) ist die Vermögenskonzentration in keinem Land der Eurozone höher als in Österreich[2].
Die entscheidende Frage für die Demokratie lautet allerdings nicht, wie ungleich Vermögen verteilt ist. Entscheidend ist vielmehr, welche politische Macht und Einflussmöglichkeiten aus den großen Vermögen erwachsen.
Demokratie ist weit mehr als nur ein technisches Verfahren zur Entscheidungsfindung. Sie lebt von der Vorstellung politischer Gleichheit: Alle Bürger:innen sollen grundsätzlich die gleichen Möglichkeiten haben, politische Entscheidungen zu beeinflussen und die Rahmenbedingungen ihrer Lebensrealität mitzugestalten. Doch genau hier entsteht das Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Vermögenskonzentration.
Großes Vermögen ist nicht nur eine ökonomische Ressource, sondern kann in politische Macht übersetzt werden. Dies erfolgt über sehr unterschiedliche Wege: die Unterstützung von Parteien, das Finanzieren von Lobbyorganisationen, das Gründen oder Kaufen von Medien, das Fördern gleichgesinnter Forschungsinstitute und vieles mehr. Während die breite Bevölkerung ihre Interessen vor allem über Wahlen artikulieren kann, verfügen Vermögende über zahlreiche zusätzliche Einflusskanäle.
Die Politikwissenschaft hat diesen Zusammenhang eindrucksvoll untersucht. Zahlreiche Forschungsarbeiten zeigen, dass politische Entscheidungen etwa in den USA[3] aber auch in Deutschland[4] deutlich stärker mit den Präferenzen der Vermögenden übereinstimmen als mit jenen der Durchschnittsbevölkerung. Formell gilt zwar weiterhin das Prinzip „eine Person, eine Stimme“, doch faktisch unterscheiden sich die politischen Einflussmöglichkeiten erheblich.
Besonders bedeutsam ist dabei eine Form von Macht, die oft unsichtbar bleibt und über den Einfluss auf konkrete Entscheidungen hinausgeht. Noch wichtiger ist die Fähigkeit, gleich die Spielregeln selbst zu gestalten, also strukturelle Macht auszuüben, wie es die bekannte Ökonomin Susan Strange definierte[5].
Wer über große wirtschaftliche Ressourcen verfügt, kann mitbestimmen, welche Themen überhaupt auf die politische Agenda gelangen, welche Expert:innen eingeladen werden, welche Positionen als seriös gelten und welche Fragen (nicht) gestellt werden. Der britische Soziologe Steven Lukes bezeichnete dies als die Fähigkeit, die Grenzen des politisch Denkbaren zu bestimmen[6]. In den 2000er Jahren wurde diese Grenzziehung unter dem Begriff des Overton-Window weiterentwickelt, also ein Fenster des politisch als akzeptabel Wahrgenommenen. Macht bedeutet demnach nicht nur, Konflikte zu gewinnen. Macht bedeutet auch, festzulegen, worüber überhaupt gestritten wird.
Gerade hier zeigt sich die demokratische Brisanz großer Vermögenskonzentration. Je stärker ökonomisches Kapital konzentriert ist, desto größer wird die Gefahr, dass gesellschaftliche Debatten von einer kleinen Gruppe besonders einflussreicher Akteure geprägt werden.
Die Vereinigten Staaten liefern besonders anschauliche Beispiele, wie einzelne Milliardäre die Demokratie auf die Probe stellen. So hat etwa Elon Musk mit der Übernahme der digitalen Plattform Twitter/X nicht nur ein Unternehmen erworben, sondern einen zentralen Kommunikationsraum der politischen Öffentlichkeit. Seine politischen Positionierungen erreichen hunderte Millionen Menschen und beeinflussen Debatten weit über die USA hinaus bis nach Europa[7].
Auch Peter Thiel steht exemplarisch für eine neue Form politischer Einflussnahme. Der Tech-Milliardär investiert seit Jahren gezielt in politische Projekte, Kandidaten und Netzwerke, die liberale und demokratische Institutionen kritisch sehen[8]. In Teilen der US-amerikanischen Technologie-Elite findet sich eine bemerkenswerte Skepsis gegenüber demokratischen Verfahren. Manche sehen Wahlen, Regulierung und parlamentarische Aushandlungsprozesse eher als Hindernisse, denn als Voraussetzungen einer freien Gesellschaft.
Besonders problematisch wird diese Entwicklung dort, wo finanzielle Macht mit der Unterstützung autoritärer oder faschistischer Bewegungen zusammentrifft. In mehreren Ländern finanzieren vermögende Einzelpersonen und Unternehmen Medienplattformen, Kampagnen und politische Akteure, die unabhängige Medien, Gerichte oder Minderheitenrechte infrage stellen. Die Allianzen zwischen ökonomischen Eliten und autoritären politischen Kräften sind historisch keineswegs neu. Neu sind jedoch die Möglichkeiten, die öffentliche Meinungsbildung breit und direkt über digitale Plattformen zu beeinflussen.
Wer bei dieser Entwicklung ausschließlich an die USA denkt, unterschätzt die Problematik. Angesichts der hohen Vermögenskonzentration gibt es auch in Österreich plakative Beispiele für die unterschiedlichen Formen der Einflussmöglichkeiten. Etwa die veröffentlichten Parteispendenlisten, in denen einzelne Reiche sehr große Beträge an nahestehende Parteien überweisen[9][10]. Oder wenn Vermögende gleich eigene Parteien gründen und ihre Programmatik vorgeben[11]. Wenn Reiche Medien aus dem Boden stampfen oder kaufen[12], um die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. Wenn Vermögende und Industrielle Denkfabriken und Lobbyverbände finanzieren, die ihre Botschaften verbreiten[13].
Die Mobilisierung dieser Finanzmittel ist weniger in einem philanthropischen Motiv begründet als in der Verstärkung ihrer Partikularinteressen. Die Frage der Vermögensverteilung kann daher nicht auf eine Neiddebatte reduziert werden. Sie betrifft die grundlegende demokratische Frage, wie stark wirtschaftliche Ressourcen die Verteilung politischer Macht beeinflussen dürfen.
Der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Demokratie reicht jedoch noch tiefer.
Erstens gibt es nicht nur am oberen Ende der Verteilung eine ungleiche politische Beteiligung. Menschen mit geringeren Einkommen und Vermögen nehmen im Durchschnitt seltener an politischen Prozessen wie etwa Wahlen teil[14]. Ihnen fehlt oft das Vertrauen, tatsächlich etwas bewirken zu können, oder sie sind durch Ausschlusskriterien erst gar nicht zu Wahlen zugelassen.
Zweitens verstärkt politische Ungleichheit wiederum die wirtschaftliche Ungleichheit. Wer mehr Einfluss besitzt, kann Regeln mitgestalten, die den Erhalt und die Vermehrung großer Vermögen erleichtern. Steuerpolitik, Unternehmensrecht oder Finanzmarktregulierung werden damit selbst zum Gegenstand von Machtkämpfen[15]. Es entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf: Vermögen schafft politischen Einfluss, politischer Einfluss schützt und vergrößert Vermögen.
Drittens gefährdet hohe Ungleichheit die gesellschaftliche Legitimation demokratischer Systeme. Demokratien leben davon, dass Bürger:innen darauf vertrauen können, dass die vereinbarten Regeln für alle gelten. Wenn jedoch der Eindruck entsteht, dass sich einzelne Vermögende diesen Regeln entziehen können, schwächt dies das Vertrauen in die demokratischen Institutionen.
Mögliche Maßnahmen gegen die negativen Konsequenzen der Vermögenskonzentration für die Demokratie sind breit gefächert.
Ein erster Schritt besteht in mehr Transparenz. Parteispenden, Lobbyingaktivitäten und die Finanzierung politischer Kampagnen müssen nachvollziehbar sein. Demokratie erfordert zumindest Sichtbarkeit, wer Einfluss ausübt. Zudem müssen Medienvielfalt und unabhängiger Journalismus gestärkt werden. Eine demokratische Öffentlichkeit darf nicht von einigen wenigen Eigentümern oder Plattformbetreibern dominiert werden. Generell ist eine wirksame Wettbewerbspolitik gegenüber marktbeherrschenden Konzernen und digitalen Plattformen nötig, um Machtschieflagen zu verhindern.
Eine gerechte, progressive Besteuerung großer Vermögen und Erbschaften ist zentral. Dabei geht es nicht nur um zusätzliche Staatseinnahmen in Zeiten knapper öffentlicher Finanzen. Steuern sollen verhindern, dass Machtungleichgewichte über Generationen einzementiert werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Frage nach Vermögensobergrenzen bei Überreichen von großer Bedeutung[16][17]. Materielle Untergrenzen bei Armutsbetroffenen sind in entwickelten Sozialstaaten selbstverständlich, eine Debatte über die Grenzziehung bei Überreichtum ist nötig.
Schließlich braucht Demokratie ausreichend öffentliche Ressourcen. Wenn Staaten finanziell geschwächt werden, wächst die Abhängigkeit von privaten Geldgebern, Stiftungen oder Großspendern. Demokratie darf nicht länger vom Wohlwollen einzelner Vermögender abhängig sein. Wer die Demokratie stärken will, muss somit über Vermögen, Eigentum und Macht sprechen.
[1] Heck, Ines/Hornykewycz, Anna/Kapeller, Jakob/Wildauer, Rafael (2024). Vermögensverteilung in Österreich: eine Analyse auf Basis des HFCS 2021/22. Working Paper-Reihe der AK Wien 255.
[2] European Central Bank (2026). Distributional Wealth Accounts. https://data.ecb.europa.eu/data/datasets/DWA
[3] Gilens, Martin/Page, Benjamin (2014). Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens. Perspectives on Politics 12 (3), S. 564-581.
[4] Elsässer, Lea/Hense, Svenja/Schäfer, Armin (2017). "Dem Deutschen Volke"? Die ungleiche Responsivität des Bundestags. Zeitschrift für Politikwissenschaft 27 (2), S. 161-180.
[5] Strange, Susan (1988). States and markets: An introduction to international political economy. London, Pinter Publishers.
[6] Lukes, Steven (2021). Power: A radical view. London, Bloomsbury Academic.
[7] ORF (2024). Verärgerung über Musks AfD-Wahlaufruf. https://orf.at/stories/3380256/
[8] Der Standard (2025). Woran Musk, Thiel und Vance glauben: Die libertäre Revolution, die sie meinen. https://www.derstandard.at/story/3100000291032/woran-musk-thiel-und-vance-glauben-die-libertaere-revolution-die-sie-meinen
[9] ORF (2019). NEOS erhielt Haselsteiner-Spende von 300.000 Euro. https://orf.at/stories/3129518/
[10] ORF (2019). Heidi Horten größte Spenderin der ÖVP. https://orf.at/stories/3134349/
[11] ORF (2017). Milliardär Frank Stronach gründet Partei. https://oe1.orf.at/artikel/312977/Milliardaer-Frank-Stronach-gruendet-Partei
[12] ORF (2018). Benko kauft sich bei ‚Krone‘ und ‚Kurier‘ ein. https://orf.at/stories/3100394/
[13] Pühringer, Stephan/Stelzer-Orthofer, Christine (2016). Neoliberale Think Tanks als (neue) Akteure in österreichischen gesellschaftspolitischen Diskursen. SWS-Rundschau 56 (1), 75-96.
[14] Ehs, Tamara/Zandonella, Martina (2021). Demokratie der Reichen? Soziale und politische Ungleichheit in Wien. Wirtschaft und Gesellschaft 47 (1), S. 63-101.
[15] Pistor, Katharina (2020). Der Code des Kapitals. Berlin, Suhrkamp.
[16] Robeyns, Ingrid (2024). Limitarismus. Warum Reichtum begrenzt werden muss. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag.
[17] Schürz, Martin (2019). Überreichtum. Frankfurt am Main, Campus Verlag.
Matthias Schnetzer leitet die Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien und ist Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Seine Forschung mit dem Schwerpunkt auf Vermögens- und Einkommensverteilung wurde unter anderem mit Preisen der International Association for Research in Income and Wealth sowie der Stadt Wien ausgezeichnet.
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