Wir haben ein Problem mit Desinformation. Warum begann das 2014? Ganz einfach: Auf einmal war das Internet massentauglich. Seither wurden Krisen immer wieder genutzt, um stets dieselben Narrative zu erzählen. Krisen waren letztlich nur Katalysatoren einer bereits laufenden Entwicklung. Das große Problem: Innerhalb von Krisen wiederholte sich immer derselbe Ablauf.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Rahmen des Symposiums „Notfall Demokratie?“, organisiert vom Wiener Forum für Demokratie und Menschrechte, am 24. September 2025 gehalten.
Paracetamol verursache Autismus. Das hat Donald Trump zuletzt behauptet. Das ist natürlich Unsinn, verbreiten konnte er es trotzdem. Während er das behauptet, sehen unsere Kinder auf TikTok Videos, die „Web Ted Talks“ heißen, in denen erklärt wird, die Welt gehe heute (oder gestern) unter.
Wir haben ein Problem mit Desinformation. Das nicht erst seit gestern aber als Mimikama 2011 gegründet wurde, hatten wir so etwas noch nicht. Damals erklärten wir, wie Klickfallen funktionieren. Wir warnten: „Vorsicht vor dieser E-Mail der Bank Austria: sie stammt gar nicht von der Bank Austria. Nicht anklicken!“
2014 änderte sich einiges. Wir merkten: Das Internet, vor allem Social Media, wurde politisch. Zuerst erkannten rechtspopulistische Parteien und rechtsextreme Gruppierungen das Potenzial: Wir erreichen Menschen direkt über Social Media, wir kommen bis in ihre intimsten Momente – etwa wenn sie im Bett liegen. Dort können wir sie mit Geschichten konfrontieren.
Dass diese Geschichten nicht stimmen, spielt für diese Akteure keine Rolle. Sie haben nicht den Anspruch, wahr zu sein. Sie transportieren ein Narrativ, eine sinnstiftende Erzählung.
Warum begann das 2014? Ganz einfach: Auf einmal war das Internet massentauglich. Es war zwar schon vorher da, aber nun hatten fast alle jederzeit ein Smartphone und einen Vertrag mit durchgehendem Internetzugang. Man musste nicht mehr auf das Datenvolumen achten. Man ging einfach online, und es funktionierte.
Hinzu kamen Krisen. 2014/2015 war es die „Flüchtlingskrise“. Seither wurden Krisen immer wieder genutzt, um stets dieselben Narrative zu erzählen. Krisen waren letztlich nur Katalysatoren einer bereits laufenden Entwicklung. Das große Problem: Innerhalb von Krisen wiederholte sich immer derselbe Ablauf.
Das war besonders gut während Corona zu beobachten. Am Anfang einer Krise wissen wir nicht, was los ist. Es bestehen große Wissenslücken, und diese müssen gefüllt werden. Ob mit echten Informationen oder mit Falschmeldungen, spielt zunächst keine Rolle. Hauptsache, es gibt Informationen.
Das wiederum nutzten andere: In einer zweiten Phase wird gezielt Desinformation oder zumindest Irritation erzeugt. Nicht alles ist komplett falsch; vieles verunsichert einfach. Über sogenannte alternative Medien, die interessanterweise ebenfalls seit rund zehn Jahren eine Rolle spielen, strömten Informationen aus einem anderen Blickwinkel auf uns ein, oft verdreht oder nicht faktenbasiert. Bei Donald Trump sehen wir das ebenfalls: Er liebt seine alternativen Medien und verbreitet Botschaften darüber oder lässt sie verbreiten.
In der dritten Phase tauchen Verschwörungstheorien auf. In der Corona-Zeit waren sie plötzlich wieder da, teils uralte Erzählungen. Xavier Naidoo saß 2020 weinend vor seinem Smartphone und erzählte von Kindern, die von „Eliten“ in unterirdischen Höhlen gefangen gehalten würden, um ihnen das sogenannte Adrenochrom abzuzapfen, das man trinke oder sich injiziere, um ewig jung zu bleiben. Das ist eine alte Verschwörungsgeschichte aus dem Mittelalter: die Ritualmord-Legende, in der Juden christliche Kinder gefangen hielten, um ihnen Blut zu entnehmen, das sie trinken, um jung zu bleiben. Wir sehen, es sind immer dieselben Narrative. Sie passen sich nur der Situation an. Und das ist entscheidend.
In einer Krise kommen also irgendwann Verschwörungstheorien auf. Daraus entstehen Wut und Frust. Frust ist dabei nicht zu unterschätzen: Wer frustriert ist, wird wütend und neigt dazu, Dinge zu tun, die er oder sie eigentlich nicht will. Daraus erwachsen zuerst kleine, dann große Formen von Gewalt.
Genau das wird mithilfe von Desinformation geschürt. Ich habe nun beschrieben, wie das funktioniert. Aber wir wollen ja dagegen arbeiten.
Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker. Ich setze darauf, dass wir jungen Menschen (und nicht nur ihnen) zeigen, wie das alles funktioniert. Wir haben verlernt, wie Demokratie funktioniert. Wählen allein reicht nicht. Es genügt auch nicht, zu wissen, welche Parteien wo sitzen und wie deren Vorsitzende heißen. Wir müssen das System verstehen, was dahintersteckt und welche Rolle wir selbst darin haben.
Darum müssen wir erklären: Mit Schulmaterial, das entwickelt werden muss, aber auch in der Erwachsenenbildung. Wir müssen Demokratie wieder schmackhaft machen, damit wir alle teilnehmen wollen und aufstehen, wenn es nötig ist. Denn auch das ist wichtig: Faschismus wirkt zunächst im Stillen und durch vorauseilenden Gehorsam. Wenn ich aus Angst schweige, bin ich schon Teil des Systems. Das darf nicht passieren. Dafür müssen wir uns einsetzen.
Andre Wolf ist Mitarbeiter bei mimikama - Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch und ZDDK - „Zuerst denken - dann Klicken“. Nach Theologiestudium und einigen Jahren Berufserfahrung als Verantwortlicher für Medien und Kommunikation ist nun die Analyse von Internetinhalten, speziell von Social Media, Wolfs Fachgebiet. Andre Wolf ist zudem beim Verein Mimikama als Blogger, Autor und Content- und Social Media Koordinator tätig.
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