Die aktuellen Kürzungs- und Sparmaßnahmen im sozialen Bereich betreffen insbesondere Kinder, Jugendliche und Menschen mit subsidiärem Schutzstatus. Regina Schmid, die Geschäftsfühererin vom Sozialwerk Don Bosco, arbeitet mit jungen Menschen mit Fluchterfahrung. Im Gespräch schildert sie die konkreten Auswirkungen auf ihre tägliche Arbeit, auf ihre Mitarbeiter:innen und auf die Jugendlichen selbst.
Tatsächlich empfinde ich die aktuellen Kürzungen als sehr, sehr problematisch und in ihren langfristigen Auswirkungen deutlich nachhaltiger, als es auf den ersten Blick erscheint. Jede Kürzung bei jungen Menschen bewirkt etwas. Sie beeinflusst ihre Zukunft und ihre Möglichkeiten.
Die Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, sind junge Menschen wie jene aus unserer Nachbarschaft mit denselben Träumen, denselben Wünschen und denselben Erwartungen an ihr Leben. Doch durch solche Kürzungen werden ihre Perspektiven massiv eingeschränkt.
Was die Arbeitsbedingungen betrifft, zeigen sich die Auswirkungen zunächst weniger direkt. Die Gehälter unserer Mitarbeiter:innen sind durch einen Kollektivvertrag geregelt, hier erfolgen keine individuellen Kürzungen.
Die Problematik liegt vielmehr in der Struktur der Finanzierung. Wir befinden uns in einer sogenannten Subjektförderung. Das bedeutet: Wir werden nicht für die Einrichtung als solche finanziert, sondern pro Klient:in, die bei uns wohnt. Jeder einzelne Platz ist durchfinanziert, theoretisch geht sich das aus. In der Praxis jedoch braucht es eine vollständig belegte Wohngemeinschaft, damit sich das System insgesamt trägt.
Früher war es möglich, kurzfristige Leerstände zu überbrücken. Wenn ein Platz nicht durchgängig besetzt war, konnte das kompensiert werden. Heute ist das anders. Jeder nicht belegte Platz, abhängig von seiner Dauer, hat spürbare Auswirkungen auf das Gesamtbudget. In unserer Wohngemeinschaft leben 15 Jugendliche. Wenn zwei fehlen, stellt sich bereits die Frage, ob wir die übrigen 13 weiterhin betreuen können oder ob die gesamte WG geschlossen werden müsste. Das hätte zur Folge, dass 13 Jugendliche neue Plätze suchen müssten.
Diese Unsicherheit wirkt sich selbstverständlich auch auf die Mitarbeiter:innen aus. Solange sie beschäftigt sind, verändert sich ihr Arbeitsalltag nicht unmittelbar. Doch die Sicherheit des Arbeitsplatzes ist nicht mehr selbstverständlich. Wird eine Einrichtung geschlossen, betrifft das zwangsläufig auch die dort angestellten Kolleg:innen.
Hinzu kommt, dass Jugendliche volljährig werden und ausziehen, unabhängig davon, ob das finanziell gerade tragbar ist oder nicht. Die entscheidende Frage lautet dann: Kommt eine neue Person nach? Wenn ein Platz frei bleibt, ist das handhabbar. Werden es zwei oder drei, wird es kritisch. Dann steht tatsächlich die Existenz der jeweiligen Gruppe zur Diskussion.
Aus meiner Sicht ist es kein neues Phänomen, dass Einsparungen bevorzugt dort vorgenommen werden, wo die Lobby gering ist und das ist im Sozialbereich der Fall. Noch geringer ist sie bei jenen Menschen, die innerhalb dieses Bereichs ohnehin marginalisiert sind, etwa Geflüchtete.
Diese Gruppen haben kaum eine Stimme. Hier zu sparen erscheint daher politisch einfach. Betrachtet man jedoch die tatsächlichen Zahlen, bleiben wir etwa bei Wien, liegt der Anteil der Einsparungen im Fluchtbereich unter einem Prozent der gesamten Wertschöpfung. Es stellt sich daher die Frage, von welchen tatsächlichen Sparmaßnahmen wir hier sprechen.
Das Projekt „(un-)sichtbar“ entstand aus der Beobachtung, wie viele Menschen in Wien leben, die kein offizielles Mitspracherecht haben, obwohl sie maßgeblich zum gesellschaftlichen Leben beitragen.
Gerade Wien wird oft als „Multikulti-Pot“ beschrieben. Viele Menschen leben hier mit uns und unter uns, prägen diese Stadt und machen sie zu dem, was sie ist. Und dennoch haben sie im öffentlichen und politischen Raum keine Mitsprache. Trotzdem sind sie bereit, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Sie halten sich an Regeln, beobachten, wie Dinge funktionieren, und bemühen sich, dazuzugehören, obwohl sie offiziell nie eingeladen sind, mitzugestalten.
Das Projekt wollte genau diese Menschen sichtbar machen. Besonders rund um Wahlen wird medial aufgegriffen, wie viele Menschen in Wien nicht wählen dürfen. Doch politische Teilhabe beschränkt sich nicht auf Wahlen. Auch im Alltag gibt es zahlreiche Situationen, in denen fehlende Systemkenntnisse oder bürokratische Hürden Menschen ausschließen.
Selbst für jene, die hier aufgewachsen sind, sind viele Formulare schwer verständlich. Wie komplex muss dieses System dann erst für Menschen sein, die im Laufe ihrer Biografie hierhergekommen sind? Viele haben schlicht nicht die gleichen Möglichkeiten, sich das abzuholen, was ihnen eigentlich zustehen würde.
Wenn es um Demokratiebildung bei Jugendlichen mit Fluchterfahrung geht, braucht es vor allem Zeit. Viele dieser Jugendlichen kommen aus Ländern, in denen demokratische Strukturen nicht existieren. Sie verfügen nicht über jenes implizite Grundverständnis, das Kinder hier von klein auf erwerben.
In Österreich lernen Kinder bereits im Kindergarten Mehrheitsentscheidungen, Mitspracherecht und Aushandlungsprozesse kennen. Sie erfahren, was es bedeutet, wenn der eigene Wunsch heute nicht umgesetzt wird und warum es dennoch wichtig ist, ihn zu äußern. Diese Mechanismen sind Alltag.
Jugendliche, die im Alter von 12, 14 oder 16 Jahren nach Österreich kommen, haben diese Erfahrungen oft nicht gemacht. Demokratie ist für sie kein vertrautes Gefühl.
Ein Jugendlicher hat mir das anhand eines anderen Beispiels vor Augen geführt. Er hat mich gefragt, was ich fühle, wenn ich atme. Und mir ist so bewusst geworden, dass ich gar nichts fühle, weil ich atme, ich atme seitdem ich denken kann, das hat kein Gefühl, das ist da.
Das ist etwas, was mir noch so ein bisschen fehlt, weil wir immer damit anfangen, dass Demokratie auch schon ein Gefühl hat.
Jugendliche aus autoritären Systemen sind es gewohnt, dass Regeln von außen vorgegeben werden. Es gab klare äußere Zeichen dafür, was erlaubt ist und was nicht. Innere Aushandlungsprozesse oder Selbstverantwortung mussten nicht in gleicher Weise entwickelt werden. Diese Lernprozesse müssen hier oft erst nachgeholt werden, manchmal mühsam.
Es gibt große Neugier und Bereitschaft zu verstehen, wie unser Zusammenleben funktioniert. Viele sind fasziniert davon, dass hier Frieden herrscht. Doch sie fragen auch: Warum? Was macht dieses System aus? Freiheit allein ist keine ausreichende Erklärung. Denn auch unsere Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Gesellschaft funktioniert nur durch Rücksichtnahme, Toleranz und gegenseitige Verantwortung.
Hier braucht es noch mehr Sensibilität dafür, mit welchem Wissen und mit welchen Gefühlen, Jugendliche mit Fluchterfahrung zu uns kommen.
Regina Schmid wuchs in Kärnten auf und studierte Betriebswirtschaft in Klagenfurt. Nach 15 Jahren in der Immobilienwirtschaft als Portfoliomanagerin absolvierte sie eine Ausbildung zur Sozialpädagogin und LSB und wechselte in die Sozialwirtschaft. Seit Sommer 2015 ist sie beim Sozialwerk Don Bosco tätig und seit 2024 in der Geschäftsführung.