Wenn wissenschaftliche Forschung eingeschränkt wird – sei es durch politische Steuerung, ökonomischen Druck, Selbstzensur, oder Versicherheitlichung –, verliert die Gesellschaft eine zentrale Ressource: die Fähigkeit zur kritischen Selbstbeobachtung. Wissenschaftsfreiheit ist daher kein reines Elitenrecht von Professor*innen, sondern ein hohes öffentliches Gut. Sie betrifft nicht nur Forschende, sondern sie hat Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit, das kritische Denken in unseren Gesellschaften und die Qualität demokratischer Entscheidungsprozesse insgesamt.
Wissenschaftsfreiheit ist eine zentrale Säule offener und demokratischer Gesellschaften. Sie ermöglicht ergebnisoffene Forschung, unabhängige Lehre, Repräsentation von Statusgruppen in Gremien und die Selbstverwaltung der Universität sowie die Infragestellung angenommener Wahrheiten und bestehender Verhältnisse und Entwicklungen. Freie und unabhängige Wissenschaft ermöglicht es Gesellschaften, dominante Annahmen zu hinterfragen und politische Entscheidungen evidenzbasiert zu kritisieren. Darüber hinaus haben freie Wissenschaften durch ihr Innovationspotenzial Auswirkungen auf die Gesellschaft in fast allen Lebensbereichen, von der Wirtschaft über die Gesundheit bis hin zur Kultur.
Aus empirischer Forschung zu Wissenschaftsfreiheit und politischen Regimen wissen wir, dass Autokratien eher dazu neigen, Wissenschaft und Lehre einzuschränken. Im globalen Academic Freedom Index (AFi) sind die Spitzenreiter allesamt konsolidierte Demokratien und die Schlusslichter geschlossene autoritäre Regime.[1] Über diese Korrelation von Demokratieniveau und empirisch feststellbarer Wissenschaftsfreiheit hinaus wissen wir auch, dass Autokratisierungsprozesse sich oft negativ auf die Wissenschaftsfreiheit auswirken. Beispiele hierfür sind insbesondere in den vergangenen Jahren zahlreich: Ungarn unter Orban, Indien unter Modi, die Türkei unter Erdogan, Ägypten unter Al-Sisi, Brasilien unter Bolsonaro sowie die Vereinigten Staaten unter Trump.
Doch warum greifen Autokraten und solche, die es werden wollen, oft als Erstes die unabhängige Wissenschaft und Universitäten an? In den meisten Fällen dienen die Repression gegenüber Wissenschaftler*innen oder Studierenden und der Versuch, Universitäten unter stärkere politische Kontrolle zu bringen, dazu, einen zentralen Sektor, in dem sich Widerspruch und Widerstand gegen eine autoritäre Transformation des Staates organisieren und entfalten können, möglichst gleichzuschalten. Tendenzen von zunehmender Repression und politischer Kontrolle der Wissenschaft lassen sich allerdings auch außerhalb von Autokratien oder sich autokratisierenden politischen Systemen beobachten.
In den letzten Jahren wurden Wissenschaftler*innen, Disziplinen oder Universitäten zunehmend auch in etablierten Demokratien Einschränkungen und Angriffen ausgesetzt, welche die Freiheit der Wissenschaften erodieren. Während autoritäre Regime häufig durch regulatorische oder gesetzliche Eingriffe die Selbstverwaltung von Hochschulen einschränken oder Lehrinhalte beeinflussen und kritische Stimmen an Universitäten durch die Strafverfolgungsbehörden verfolgen lassen, manifestiert sich politischer Druck auf die Wissenschaft in Demokratien meist indirekter oder durch strukturelle Anpassungen, die sich auf das Handeln von Universitätsangehörigen auswirken. Gerade diese subtilen Veränderungen sind empirisch und analytisch schwerer zu greifen, aber politisch entfalten sie ebenfalls negative Auswirkungen auf die Freiheit der Forschung und Lehre oder die Hochschulautonomie. Politische Einschränkungen wirken dabei über unterschiedliche Mechanismen. Im Folgenden werden einige dieser Mechanismen dargestellt.
Oft erfolgen Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit unter dem Deckmantel der „neutralen“ oder „objektiven“ Forschung. Die Delegitimierung von Wissenschaftler*innen oder ganzen Forschungsrichtungen (z.B. Gender Studies, Disability Studies oder Postcolonial Studies) wird häufig von einer normativen Vorstellung begleitet: Universitäten sollten möglichst „unpolitische“ Räume sein und die Forschung an ihnen sollte möglichst objektiv und neutral sein. Historisch ist diese Annahme jedoch nicht haltbar. Erstens waren Universitäten schon immer politische Institutionen – sei es als Orte der Elitenbildung, als Instrumente staatlicher Macht oder als Räume gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen. Zweitens ist keine Forschung völlig wertfrei und losgelöst vom politischen und gesellschaftlichen oder biografischen Kontext der Forschenden.
Dies gilt selbst für Wissenschaftsdisziplinen, die für sich rein faktenbasierte Methoden und Theorien beanspruchen. Zum Beispiel offenbarte die Entdeckung eines Wikingergrabes im Vereinigten Königreich den inhärenten Genderbias in der damaligen Archäologie. Da es sich bei den Grabbeigaben um die Ausstattung eines Kriegers handelte, ging die Wissenschaft jahrzehntelang fälschlicherweise davon aus, dass es sich bei der dort beigesetzten Person um einen männlichen Krieger handeln müsse. Eine Knochenanalyse Jahrzehnte nach der Ausgrabung ergab allerdings, dass es sich um eine weibliche Kriegerin handelte. Dies sorgte dafür, dass einige Annahmen über die Rolle von Frauen in der spätmittelalterlichen Wikingerkultur im Vereinigten Königreich korrigiert werden mussten.
Die Forderung nach einer Entpolitisierung der Wissenschaft kann daher selbst politisch wirken – insbesondere dann, wenn sie verwendet wird, um bestimmte Perspektiven aus dem akademischen Diskurs auszuschließen, andere zu zentrieren oder gar ganze Disziplinen und ihre Arbeitsweisen zu delegitimieren. Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Wissenschaft politisch ist, sondern unter welchen Bedingungen sie ihre kritische Funktion – das Streben nach Wahrheit – erfüllen kann.
Ein zentraler Mechanismus betrifft die Finanzierung. Die reale Abnahme der erhaltenen Grundfinanzierung zwingt Hochschulen und Forschende, verstärkt Drittmittel einzuwerben. Diese Mittel sind jedoch häufiger an politische Prioritäten oder wirtschaftliche Verwertungslogiken gebunden. Die Folge ist eine indirekte Steuerung von Forschungsagenden: Themen, die politisch kontrovers sind oder Machtstrukturen kritisch hinterfragen, haben geringere Erfolgschancen. Besonders betroffen sind Felder wie die Soziologie, die Regional-, Migrations-, Gender- oder Postkolonialismusforschung, die zunehmend politisch angegriffen oder delegitimiert werden und auch im Wettbewerb um Drittmittel oft hinter den älteren oder etablierteren Forschungsrichtungen zurückstecken müssen. Dabei braucht eine freie Wissenschaft eine disziplinär und epistemologisch plurale und diverse Forschungslandschaft. Die Pluralität von Forschungsfeldern und Standards der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung ist schließlich das Resultat andauernder wissenschaftsimmanenter Ausdifferenzierungsprozesse. Hier zeigt sich ein grundlegendes Spannungsverhältnis: Wissenschaft soll gesellschaftlich relevant und kompetitiv sein, wird aber zugleich dann unter Druck gesetzt, wenn sie politisch unbequem wird.
Ein zweiter zentraler Faktor ist die prekäre Beschäftigungssituation in der Wissenschaft. Rund 90 Prozent des wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professur in Deutschland arbeitet auf befristeten Verträgen. Diese strukturelle Unsicherheit verstärkt Abhängigkeiten und Machtasymmetrien innerhalb der Universität. Die Konsequenz ist ein verbreitetes Muster der Selbstzensur: Forschende verzichten auf kontroverse Thesen, vermeiden als problematisch oder kontrovers geltende öffentliche Positionierungen oder passen die Auswahl ihrer Forschungsthemen strategisch an. Diese Anpassung geschieht oft unsichtbar, ist aber für die Qualität wissenschaftlicher Debatten hoch problematisch, denn sie limitiert den wissenschaftlichen Diskurs basierend auf dem politisch-gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Mainstream. Selbstzensur zum Beispiel unter deutschen Nahostwissenschaftler*innen ist also kein individuelles Versagen, sondern eine strukturelle Folge institutioneller Bedingungen.[2] Sie verschiebt die Grenzen des Sagbaren und Wissbaren, ohne dass formale Verbote notwendig wären.
Ein dritter Mechanismus unlauterer Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit betrifft die zunehmende „Versicherheitlichung“ von Hochschulen. Veranstaltungen werden abgesagt, Kooperationen überprüft oder eingeschränkt und Sicherheitsmaßnahmen auf dem Campus ausgeweitet. Häufig geschieht dies unter Verweis auf eine diffuse Bedrohungslage oder institutionelle Sicherheitsbedenken. Doch um wessen Sicherheit geht es Universitätsleitungen, wenn sie die Polizei auf den Campus rufen, um Studierendenproteste aufzulösen oder Politiker*innen, wenn sie fordern, dass universitätsinterne Veranstaltungen abgesagt werden? Maßnahmen wie Überwachung und Überprüfung von wissenschaftlichem Personal oder Studierenden, verstärkte Polizeipräsenz oder Zugangskontrollen verändern, wer sich auf dem Campus wie frei bewegen und äußern kann. Für marginalisierte Gruppen bedeuten solche Maßnahmen oft eher Unsicherheit als Schutz.
Darüber hinaus haben Veranstaltungsabsagen eine symbolische Wirkung: Sie signalisieren, dass bestimmte Diskussionen oder Positionen an der Universität nicht erwünscht sind – und verstärken damit den Druck zur Selbstzensur.
Die hier skizzierten Entwicklungen haben weitreichende Folgen. Wenn wissenschaftliche Forschung eingeschränkt wird – sei es durch politische Steuerung, ökonomischen Druck, Selbstzensur oder Versicherheitlichung –, verliert die Gesellschaft eine zentrale Ressource: die Fähigkeit zur kritischen Selbstbeobachtung. Wissenschaftsfreiheit ist daher kein reines Elitenrecht von Professor*innen, sondern ein hohes öffentliches Gut. Sie betrifft nicht nur Forschende, sondern sie hat Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit, das kritische Denken in unseren Gesellschaften und die Qualität demokratischer Entscheidungsprozesse insgesamt.
Die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit erfordert Maßnahmen auf mehreren Ebenen:
Ebenso wichtig ist Solidarität innerhalb der Wissenschaft: Angriffe auf einzelne Disziplinen oder Personen dürfen nicht isoliert bleiben. Denn ein Angriff auf einzelne Wissenschaftler*innen oder Disziplinen ist ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit als Ganze.
Politischer Druck verändert die Bedingungen von Wissenschaftsfreiheit nicht nur durch offene Eingriffe, sondern auch durch strukturelle Verschiebungen und weniger sichtbare Maßnahmen und Mechanismen. Gerade in demokratischen Kontexten zeigt sich seine Wirkung in subtilen Formen – über Finanzierung, Institutionen und soziale Dynamiken.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, diese Prozesse sichtbar zu machen und ihnen entgegenzuwirken. Denn Wissenschaftsfreiheit ist kein statischer Zustand, sondern eine Praxis, die immer wieder aufs Neue verteidigt werden muss.
[1] Academic Freedom Index Update 2025: https://academic-freedom-index.net/research/Academic_Freedom_Index_Update_2025.pdf
[2] Studie FU Berlin von 2025 zur Selbstzensur unter deutschen Nahostwissenschaftler*innen (Grimm et al.): https://www.interact.fu-berlin.de/_media/WP202501_v0_7.pdf
[3] Um einer weiteren politischen Instrumentalisierung von Budgetverhandlungen zwischen Politik und Wissenschaftsinstitutionen entgegenzuwirken, bedarf es einer rechtssicheren dauerhaften Finanzierung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
[4] Neben Gewerkschaften sowie Initiativen von Wissenschaftler*innen wie #IchbinHanna und NGAWiss setzt sich auch der Wissenschaftsrat für eine grundlegende Abkehr vom feudalen Lehrstuhlmodell hin zum Departmentmodell und eine Abschaffung des WissZeitVG ein.
[5] Unter anderem Organisationen wie die Initiative Demokratische Wissenschaft (WissDem) setzten sich für eine Stärkung der Resilienz des deutschen Wissenschaftssystems ein: https://wissdem.org
Dr. Ilyas Saliba ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt am Lehrstuhl für Internationale Politik und Konfliktforschung. Er ist assoziiertes Mitglied am Zentrum für Grundrechte der Hertie School of Governance und am Global Public Policy Institute, wo er den „Academic Freedom Index“ mitentwickelt hat. Bis 2024 promovierte Saliba an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wissenschaftsfreiheit, schrumpfende Räume für zivilgesellschaftliche Organisationen, Menschenrechtspolitik, Feldforschungssicherheit, sowie Autoritarismus und Demokratisierung mit regionalem Fokus auf den Nahen Osten und Nordafrika. Saliba hat nationale Regierungen und internationale Organisationen, darunter die UNESCO, zum Monitoring und dem Schutz der akademischen Freiheit beraten. Zu seinen Veröffentlichungen zum Thema akademische Freiheit zählen Artikel im „International Journal of Human Rights“ sowie im Routledge-Band „University Autonomy Decline“ (2023). Er ist gewähltes Mitglied in den Ausschüssen für Wissenschaftsfreiheit der DAVO und BRISMES und ist Gründungsvorstandsmitglied der „Alliance for Critical Scholarship in Solidarity“ (KriSol) sowie im lenkungskreis der Initiative Demokratische Wissenschaft.
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