Denn Demokratie besteht nicht aus einmaligen Siegen, die uns für immer gesichert sind. Sie ist eine fragile Ordnung, die täglich gepflegt werden muss. Und in dieser Pflege geht es stets um die gleichen Entscheidungen: Hinsehen oder Wegsehen. Anpassen oder widersprechen. Schweigen oder reden.
Kürzlich war ich eingeladen, bei einer Veranstaltung über die Zukunft der Demokratie zu sprechen. Schon im Saal war spürbar: das Thema ist schwer, fast bedrückend aktuell. Wir alle wissen, wie sehr die Demokratie unter Druck steht – von innen wie von außen. Und doch: Ich bin keine Pessimistin. Ich glaube nicht, dass wir am Ende eines demokratischen Zeitalters stehen. Aber ich bin überzeugt: Demokratie ist kein fester Zustand, sondern ein Prozess. Sie ist nie fertig.
Nach meiner Rede wurde angemerkt, dass vieles darin vertraut klinge. Und ja: Manche Gedanken kehren bei mir immer wieder. Doch das liegt nicht an Einfallslosigkeit, sondern daran, dass die großen Fragen selten neu sind. Es sind die alten Gegensätze – Mut und Feigheit, Großherzigkeit und Niedertracht, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit –, die unsere Geschichte bestimmen. Und gerade weil sie zeitlos sind, dürfen sie nie verstummen.
Denn Demokratie besteht nicht aus einmaligen Siegen, die uns für immer gesichert sind. Sie ist eine fragile Ordnung, die täglich gepflegt werden muss. Und in dieser Pflege geht es stets um die gleichen Entscheidungen: Hinsehen oder Wegsehen. Anpassen oder widersprechen. Schweigen oder reden.
Die Gefahren für die Demokratie sind längst keine abstrakten: Autoritarismus, Populismus, Spaltung. Schritt für Schritt verschieben sich Grenzen – erst des Sagbaren, dann des Machbaren. Demokratie verschwindet selten über Nacht; sie zerbricht leise, wenn ihre Institutionen geschwächt, ihre Kritiker:innen diffamiert, ihre Medien eingeschüchtert werden.
Doch Demokratie ist widerstandsfähig, wenn wir sie tragen. Sie lebt von Menschen, die ihre Stimme erheben, von Institutionen, die sich nicht kaufen lassen, von einer Gesellschaft, die Vielfalt als Stärke begreift. Sie lebt von Widerspruch, von Streit, von Mut – und von der Weigerung, sich autoritärem Druck zu fügen.
Und sie lebt von Bildern, die uns Hoffnung geben: von jungen Menschen, die mit Fridays for Future die Klimakrise in die Politik getragen haben; von Protestierenden in Belgrad oder Hongkong, die sich nicht einschüchtern ließen; von jenen, die im Alltag, unspektakulär, aber beharrlich, ihre Stimme erheben. Demokratie beginnt genau dort – auf der Straße, im Gemeinderat, im Klassenzimmer, im Gespräch mit anderen.
Vielleicht erzähle ich also wirklich immer wieder dieselbe Geschichte. Aber gerade darin liegt ihre Wahrheit: dass Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde nie selbstverständlich sind. Dass jede Errungenschaft zurückgenommen werden kann. Und dass es an uns liegt, das zu verhindern.
Demokratie ist ein fragiles Versprechen. Sie ist voller Brüche, voller Widersprüche, aber vor allem auch voller Chancen. Sie verlangt Mut, Neugier, den Willen hinzuschauen, zu verstehen, einzugreifen. Sie ist nie fertig. Aber sie ist jede Anstrengung wert.
Melinda Tamás ist Bildungswissenschafterin, Menschenrechtskonsulentin, Trainerin und Autorin im Bereich der politischen Bildung, Antidiskriminierungsarbeit, Extremismusprävention und Demokratieförderung. Sie arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem zu Rassismuskritik, Extremismusprävention und sensibler Sprache. Ihre Arbeit verbindet theoretische Analyse mit praxisnaher Bildungs- und Trainingsarbeit in Österreich und auf europäischer Ebene.
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