Die Zukunft der Demokratie sitzt heute in Kindergärten, Volksschulen, Mittelschulen, Gymnasien und Berufsschulen. Dabei gilt: Demokratie kann nicht im Trockenschwimmen erlernt werden, ihr Wert lässt sich nur durch Erfahrungen erkennen. Hinzu kommt eine weitere österreichspezifische Herausforderung: ein erheblicher Teil der Wohnbevölkerung ist vom Wahlakt - der „Königsdisziplin politischer Partizipation“ - ausgeschlossen, und wird somit von demokratischen Institutionen ferngehalten. Eine demokratische Realität, von der junge Menschen in urbanen Zentren besonders häufig betroffen sind - in Wien rund 40% der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren.
Für eine moderne Demokratie ist das Bildungssystem ein unverzichtbarer Bestandteil. Nicht zuletzt gibt es jungen Menschen Wissen darüber mit, wie Beteiligungsrechte wahrgenommen werden können. Und in der Statistik sehen wir das Ergebnis: die Intensität und Häufigkeit der Beteiligung steigen mit dem Bildungsgrad. (Ginner & Sandner 2019) Politische Bildung ist daher stets auch eine Stärkung der Demokratie.
Gerade deshalb sind demokratische Erfahrungen in der Schule besonders fundamental. Die Zukunft der Demokratie sitzt heute in Kindergärten, Volksschulen, Mittelschulen, Gymnasien und Berufsschulen. Umso wichtiger ist es, dass hier Räume entstehen, in denen Demokratie praktisch erlebt werden kann – durch politische Bildung, die erfahrbar macht, worum es geht. Und zwar für alle.
In den Klassenräumen überwiegt das Gefühl, dass junge Interessen übergangen werden – ein Gefühl, das durch den politischen Diskurs eher bestätigt als widerlegt wird. Dabei gilt: Demokratie kann nicht im Trockenschwimmen erlernt werden, ihr Wert lässt sich nur durch Erfahrungen erkennen.
Das ist unser Zugang.
In den Workshops der youngCaritas werden Erfahrungsräume geschaffen, in denen diskutiert wird, Meinungen ausgetauscht, Argumente abgewogen und Kompromisse gefunden werden. In denen unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven nebeneinander bestehen bleiben und ausgehalten werden können. Denn nur wer Demokratie erlebt, wird sie auch in Zukunft tragen und gestalten.
Gleichzeitig wissen wir, dass eine anhaltende Distanzierung der Politik, ihren Akteur*innen und Institutionen eine Gefahr für die Demokratie darstellen (Roller, Brettschneider & van Deth 2006, S. 7). Hinzu kommt eine weitere österreichspezifische Herausforderung: ein erheblicher Teil der Wohnbevölkerung ist vom Wahlakt - der „Königsdisziplin politischer Partizipation“ (Bukow & Poguntke 2014, S. 14) - ausgeschlossen, und wird somit von demokratischen Institutionen ferngehalten. Eine demokratische Realität, von der junge Menschen in urbanen Zentren besonders häufig betroffen sind - in Wien rund 40% der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren (Yilmaz 2022). Vertreter*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kultur weisen regelmäßig auf das Repräsentations- und Legitimationsdefizit hin, das damit einhergeht. Für Jugendliche ist Demokratie ohnehin oft schwer greifbar, für jene ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind demokratische Erfahrungen weitgehend unmöglich. Von Schul- und Klassensprecher*innenwahlen einmal abgesehen. Doch abgesehen davon bleibt ihnen reale Teilhabe verwehrt. Einen guten Teil der ständigen Wohnbevölkerung von demokratischer Teilhabe auszuschließen ist sowohl für die Betroffenen als auch demokratiepolitisch bedenklich.
Die Mär von der unpolitischen Jugend hält sich hartnäckig – begegnet ist sie uns weder im Klassenzimmer noch sonst wo. Im Gegenteil - große Protestbewegungen der vergangenen Jahre wie Fridays for Future, Black Lives Matter oder auch die Letzte Generation wurden von jungen Menschen, ihrer Unzufriedenheit, aber auch ihrer Hoffnung getragen. Dass diese Hoffnungen nicht immer den Erwartungen älterer Generationen entsprechen, liegt in der Natur der (demokratischen) Sache.
Das ist es nämlich, was Demokratie ausmacht.
Ginner, Boris; Sandner, Günter (2019): Einleitung. In: Ginner, Boris; Sandner, Günter (Hrsg.): Warum Demokratie Bildung braucht. Wien – Berlin: Mandelbaum Verlag, S. 8-10.
Bukow, Sebastian; Poguntke, Thomas (2014): Politische Partizipation in Wahlen und Parteien zwischen Nationalstaat und Zuwanderungsgesellschaft. In: Morlok, Martin; Poguntke, Thomas; Bukow, Sebastian (Hrsg.): Parteien, Demokratie und Staatsbürgerschaft. Politische Partizipation und Repräsentation in der Zuwanderungsgesellschaft. Baden-Baden: Nomos Verlag, S. 9-26.
Roller, Edeltraud; Brettschneider, Frank; Van Dath, Jan (2006): Jugend und Politik. Der Beitrag der Politischen Soziologie zur Jugendforschung. In: Roller, Edeltraud; Brettschneider, Frank; Van Deth, Jan (Hrsg.): Jugend und Politik: „Voll normal! Der Beitrag der Politischen Soziologie zur Jugendforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 7-19.
Yilmaz, Alara (2022): Wahlrecht für alle: Demokratiepolitisch wünschenswert? In: Der Standard online, 7. Oktober 2022, online unter URL: https://www.derstandard.at/story/2000139769182/pass-egal-wahl-endet-mit-rekord-beteiligung [Abruf: 17. September 2025]
Paul Jurda ist diplomierter Kindergartenpädagoge, Soziologe und Politikwissenschaftler und widmete seine Abschlussarbeiten der politischen Partizipation junger Menschen in Österreich. Nach einigen Jahren als Pädagoge und wissenschaftlicher Mitarbeiter ist er heute Teil des Bildungsteams der youngCaritas, das Bildungsangebote für junge Menschen zu sozialen Themen wie Armut, Vorurteilen, Toleranz und Demokratie entwickelt und durchführt.
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